Schindelbecks Jazz Blog

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Samstag, November 04, 2006

Roy Nathanson - Martin Auer - Wayne Shorter

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...das ist die kurze Zusammenfassung der vier letzten Konzertereignisse dieser Woche

Vier? In der Tat, denn den Künstler Roy Nathanson konnte man gleich zweimal innerhalb von drei Tagen in allerdings unterschiedlichen Konzerten hören. Nach dem Montagslf-Konzert von Roy Nathanson's Sotto Voce, das ausgesprochen gelungen war (weiter unten ist dazu etwas zu lesen), bin ich frohen Mutes am Mittwoch in den Karlstorbahnhof gepilgert, das gleichzeitig in Mannheim stattfindende Konzert von Jon Hassell verschmähend. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es die richtige Wahl war.

Das Marx Brothers Project spielte swingbasierten Jazz, gar nicht mal übel. Herb Robertson an der Trompete war toll und auch der Altsaxophonist Andy Laster - faktisch als Leader der Gruppe - wusste zu gefallen. Was ein wenig fehlte, war der direkte Bezug zu den Marx Brothers. Im Hintergrund der Bühne war eine Leinwand aufgebaut, auf der mehr als die Hälfte des Konzertes eine Fehlermeldung zu sehen war. Irgendwann wurde dann zwar eine wirklich sehenswerte Filmsequenz mit Harpo (das ist doch der blondgelockte Harfenist?) gezeigt, die auch von der Gruppe ehrfurchtsvoll schweigend betrachtet wurde.

Andy LasterRoy Nathanson agierte wie schon am Montag mindestens ebenso häufig als Sänger wie als Saxophonist - und da ging vermutlich ein gewisser Charme des Projektes unter.

Die Konzentration auf Musik und Text ist für den Nicht-Muttersprachler schwierig, ganz davon abgesehen, daß die Fotografie auch noch Aufmerksamkeit raubt - was natürlich ein persönliches Problem ist. Trotzdem behaupte ich: der überwiegende Teil des Publikums bekommt wenig von den Texten mit und das ist bei einem solchen Projekt leicht absurd. Fazit: es
fehlte mir bei der Geschichte der letzte Pep. Spielwitz und Draht zum Publikum, den es beim Sotto Voce Projekt zwei Tage zuvor noch gegeben hatte blieb auf der Strecke.

Something completely different dann am Donnerstag.

Zeitgleich - mutig, mutig - zum großen Enjoy Jazzfestival findet um Eberbach herum das "Jazzme" Festival statt. Einige Konzerte in Eberbach direkt und in umliegenden Ortschaften, organisiert vom Kulturamt Eberbach, genauer gesagt von Tobias Soldner. Jazz auf dem Lande sozusagen, eine ehrenwerte Initiative.

An diesem Abend spielte das Martin Auer Quintett im Modehaus Müller. Modehaus? In der Tat. Zwischen Hemden, Röcken und lustigen Mützen gab es modern jazz zu hören. Martin Auer, bekannt von seiner CD "Horn an Horn", ebenso wie sein Musikerkollegen Florian Trübsbach, der auf ebendieser CD mitspielte und selbst als Leader eine CD namens "Mason & Dixon" eingspielt hat.

Diese beiden Scheiben sind bei jazz4ever erschienen, einem Label, dem ich schon seit Jahren freundschaftlich verbunden bin. Der Labelbesitzer und Produzent Alfred Mangold hat ein sehr glückliches Händchen was "modern jazz" aus deutschen Landen angeht. Live im Modehaus bestätigt sich das. Das Quintett spielt eigenständigen modern jazz, Kompostionen mit markanten bis eingängigen Themen und improvisiert zupackend - Jazzhörer-Herz, was willst Du mehr. Wenn auch nicht bis ins letzte Detail perfekt, so ist das allemal spannender und hörenswerter als vieles, was von arrivierten Herren (und Damen) des Jazzbetriebs ansonsten geboten wird.

Eine erschreckende Beobachtung des Abends muss allerdings noch erwähnt werden. Außer ein paar zwangverpflichteten jungen Damen
unter 20 Jahren - Personal des Modehauses - war das Publikum im Schnitt recht alt. Als über 40-jähriger zähle ich mich mittlerweile zwangsläufig zu den älteren Herrschaften dazu und trotzdem konnte man mit diesem Alter den Schnitt noch etwas senken. In der Altersgruppe von 20 bis Mitte 30 war praktisch kein Mensch zu sehen - außer den Musikern. Das Eis für Jazz wird dünn, wenn außerhalb der Zentren ohnehin nur eine Handvoll Publikum in gute Konzerte geht und schlimmer noch, wenn solch guter Jazz nicht auch ein jüngeres Publikum erreichen kann.


Beim Konzert am Freitag abend war die Saalfüllung immerhin kein Problem...

Wayne Shorter war - vergleichbar mit Ornette Coleman im vergangenen Jahr - der Publikumsmagnet des Enjoy Jazz Festivals 2006. Menschenmassen strömten ins Feierabendhaus der BASF nach Ludwigshafen, das Konzert war ausverkauft. Mit handgeschriebenen Zettelchen bettelten Menschen vor der Veranstaltungsstätte um Karten.

Jazz-Ikonen-Besichtigung war also wieder einmal angesagt. Der 73-jährige Wayne Shorter sollte bestaunt werden, ein Mann mit einer Karriere die geadelt vom Zusammenspiel mit Miles Davis, über prägenden Einfluss in der Gruppe Weather Report, noch viele weitere Karriere-Höhpunkte aufweist.

Auch wenn ich des "Ikonenbashings" geziehen werde: ich war eher enttäuscht. Das Nesteln an den Saxophonen schien mir wie die Übersprunghandlung für mangelnden Ansatz, gelegentliche Hup-Töne auf dem Sopransaxophon, die vielleicht als akzentsetzende Meilensteine im Musikstück gelten sollten klangen eher hilflos - nun ja, mir erschloss sich der "
spröde, etwas sphinxhaft wirkende Gestalter intensiver Spannungsbögen", (Thomas Fitterling) eher nicht.

Auf ein paar Pixel am Schirm reduziert klingt das allzu harsch und natürlich stand kein hilfloser Greis auf der Bühne des Feierabenhauses. Gelegentlich spielte Shorter kurze, gelungene Dialoge mit Perez oder Patitucci und es mag sein, daß er einen großen spirituellen Anteil an der Gestaltung der gespielten Stücke hatte. Gemessen an den hohen Erwartungen für mich zuwenig.

Möglicherweise gelingt es nicht jedem 73-jährigen mehr, ständig vital und kreativ die Bühne zu beherrschen. Vielleicht auch nur an diesem Abend nicht, oder aber - ganz und gar nicht ausgeschlossen - nur mir entging die Magie des Abends, denn die Mehrheit des Publikums war begeistert.

Schlicht großartig waren allerdings auch die drei weiteren Musikanten des Quartetts. Danilo Perez am Flügel, John Patitucci am Bass und Brian Blade am Schlagzeug wären als Trio allein schon eine Offenbarung gewesen. Abgesehen davon, daß sie Shorter bedingungslos unterstützten waren die drei derart druck- und spannungsvoll und dabei voller Spielwitz, daß Zuhören und -sehen eine reine Freude war.

6 Comments:

Blogger Klaus said...

Zu den "Huptönen auf dem Sopran": das war, als das Instrument zum ersten Mal in die Hand genommen hat.

Bei jedem anderen Musiker ;-) hätte ich angenommen, daß einfach das Blatt zu trocken war oder nicht richtig befestigt etc. und er ein paar Probetöne gespielt hat. Und wie versteckt man die? Indem man sie einfach periodisch wiederholt und so in das Stück einbaut.

Für den Kommentar werde ich *bestimmt* verhauen :-)

4.11.06  
Blogger schindelbeck said...

Ein Blättchenproblem schien mir das anfangs auch zu sein - und die ersten Versuchs-Töne waren IMHO ziemlich dreist ins Spiel der anderen "gehupt" - ich dachte mir noch: "cool ist er ja, kann man sich als Wayne Shorter wohl erlauben".

Bemerkenswert fand ich in dem Stück dann aber, daß es bei den gelegentlich eingeworfenen Einzeltönen blieb unde er nach den "Probtönen" das Sopransax wieder beiseite gestellt hat. Das hat auf mich den Eindruck gemacht als ob ihm einfach nichts gescheites zu spielen einfiel ;-)

...und für dieses Statement bekomme ich dann meine Prügel...

4.11.06  
Blogger schindelbeck said...

Nun gut, wenn Kritiker Professor Häberle aus der Rhein-Neckar-Zeitung recht hat, dann liege ich wohl grottenfalsch:

"Nach diesem großen Wurf, dessen Genialität keinem Hörer im ausverkauften großen Konzertsaal des Feierabendhauses entgehen konnte, folgten drei kurze Stücke."

und

"Dieses Konzert...wird die Zäsur sein, nach welcher sich die Musik des Jazz in der Vergangenheit verliert, ihre Zukunft jedoch in einer Synthese aus Klassik und Jazz gründet, die nicht länger in Spaltung verharrt, sondern in einer Verschmelzung beider die Verkürzungen der Musik des 20. Jahrhunderts überwindet."

Vielleicht ist es letztlich ein Problem der Einstellung: Gehe ich in ein Konzert Wayne Shorters um Jazz zu hören oder eine Synthese aus Jazz und Klassik?

Meine Meinung dazu ist klar: Jazz als eigenständige Musikform verlöre seine Identität, würde die Vision des Herrn Professor Häberle wahr.

6.11.06  
Blogger Daniel Nagel said...

Auch der Mannheimer Morgen hat eine seltsame Kritik geschrieben mit dem lächerlichen Titel: "In der Ruhe explodiert die Kraft".

Ich habe wirklich keine Ahnung, was irgendjemand an diesem Konzert gut gefunden hat.

Meine Kritik ist dann auch dementsprechend gnadenlos:
[url]http://www.regioactive.de/story/5072/wayne_shorter_quartett_konzertreview.html[/url]

6.11.06  
Blogger schindelbeck said...

An diesem Konzert scheiden sich die Geister, wie ich es selten erlebt habe. Deine Kritik formuliert das sehr pointiert - tatsächlich gnadenlos - aus, was im wesentlichen auch mein Eindruck vom Konzert war.

Im Jazztalk (www.jazztalk.de) habe ich speziell zur Kritik in der RNZ etwas bemerkt(Titel "Synthese aus Klassik und Jazz) und dort hat sich als Reaktion jemand geäußert, der ganz und gar vom Konzert begeistert war. Durchweg positiv bis enthusiastisch war auch ansonsten alles was ich bis jetzt an Reaktionen zum Konzert hörte.

Vielleicht kann ich heute abend dazu noch ein paar Stimmen einfangen und die Tendenz dazu hier wiedergeben.

6.11.06  
Blogger schindelbeck said...

Auch im Jahr 2007 mach Wayne Shorter die Jazzbühnen unsicher und Peter Müller vom Wiesbadener Tageblatt hat eine Kritik geschrieben, die durchaus schon für das Konzert bei Enjoy Jazz angemessen gewesen wäre.

http://www.wiesbadener-tagblatt.de/kultur/objekt.php3?artikel_id=2919352

7.8.07  

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